Hintergründe

Theorien sind dann nützlich, wenn diese für uns eine Bedeutung haben.
Es gibt vieles, was schwer in Worte zu fassen ist. Dennoch bleibt es uns Menschen vorbehalten, uns mit Worten und mit Sprache auszudrücken und Zusammenhänge zu ergründen und daraus eine Möglichkeit /Theorie zu entwickeln. Und auch wenn sich jemand entschließt keine Theorie zu haben, ist das auch eine Theorie.

Ich möchte hier einige Teilaspekte ansprechen, die für Sie als Betroffener einer Trennung von Bedeutung sein können.

Hintergründe zu verstehen, lindern nicht unsere akuten seelischen Schmerzen.
In einer schwierigen Lage ist menschliches Mitgefühl um ein Vielfaches stärker, und viel wichtiger um uns zu trösten und aufzumuntern.

Hintergründe zu verstehen, kann uns jedoch helfen, eine etwas andere Sicht auf Geschehenes zu bekommen.

  • Wodurch wachsen Beziehungen?
  • Können wir einen Menschen ganz kennen?
  • Und können wir dem Partner, der uns enttäuscht hat, einfach so vergeben, weil wir es wollen?
  • Gehört es zu einer Beziehung dazu, dass wir vom anderen früher oder später auch einmal enttäuscht werden
  • Nicht nur positive gemeinsame Erfahrungen können eine Beziehung ver­tie­fen, sondern auch negative. Wie kann ich mir das vorstellen?

Diese und weitere Fragen behandelt ein Interview mit dem Psychologen Prof. Dr. Steen Halling von der University of Seattle, USA, der seit vielen Jahren auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen forscht.

“Was uns verbindet”

Unsere Beziehungen zu anderen Menschen prägen uns und unser Leben.
Interview mit Prof Halling, BKKiNFORM, Ausgabe 3/2013.

Diesen Artikel finde ich im Zusammenhang einer Trennung von Bedeutung, da zum einem deutlich wird, WAS uns als Menschen verbindet.
Infolgedessen ist es unmissverständlich klar, weshalb eine Trennung so schwer ist –
weil die bestehenden Verbindungen uns und unser Leben geprägt haben.

Hier kommen Sie zu dem kompletten Interview.

Warum, ach warum ist die Liebe nur so schwer?

Jeder von uns re- inszeniert in seiner Liebesbeziehung oft ein frühkindliches Beziehungsmuster. Dies betrifft die prägenden Beziehungen, vor allem die zur Mutter.
Diese Re- Inszenierung geschieht auch wechselseitig, d.h. der Eine übernimmt die Rolle des Versorgers und der Andere die Rolle des Versorgten.
In einer tiefen und bedeutenden Paarbeziehung nehmen wir alle anderen Beziehungen mit auf, die vorher geschehen sind und die unsere Seele geprägt haben.
Das zeitweise Erleben des Gefühls von tiefer Geborgenheit in unserem Paarerleben lässt uns, vor allem emotional, an frühkindliche Gefühls- und Glücks- Erfahrungen erinnern. Die Sehnsucht und das Streben nach einer Wiederholung dieser bereits erlebten Symbiose* gründet sich also auf unseren frühkindlichen Gefühlserfahrungen.

*Symbiose

Eine wechselseitige biologische und hier auch emotionale Ernährungsbeziehung, die  nützlich und notwendig für das dauerhafte Zusammenleben ist.

Mütter und Väter erleben ihre Kinder auch als Ergänzung ihres Lebens und gleichen ein Stück Ihrer seelischen Balance mit Ihnen aus.
Diese starke und auf tiefe Liebe ausgelegte Bindung zu ihren Kindern ist jedoch gleichzeitig auch eine Aufgabe für die Eltern, ihre Kinder in ihr eigenes Leben zu begleiten und sie emotional auf ihrem Weg in ihre Autonomie zu fördern.

Wenn nun die Eltern, auch hier kommt der Mutter eine bedeutendere Rolle zu, weil sie einen früheren und prägenderen Einfluss auf das Kind hat, zu sehr “klammern” und ihr Kind für sich selbst zu sehr brauchen oder es auch bei seiner inneren Entwicklung allein lassen, wird diese Ablösung nicht ausreichend gefördert.
Das Kind wird womöglich später als Erwachsener diesen Entwicklungsschritt nachholen.

Auch als Erwachsene sind wir geneigt, die eigene Paarbeziehung zu stark symbiotisch gestalten, da wir hoffen, eine emotionale Versorgung nachholen zu können oder sich weiterhin so gut versorgt zu fühlen.

In dieser frühkindlichen Zeit liegen auch die für unsere Entwicklung notwendigen ersten Schritte zur Autonomie. Eine nicht ganz vollzogene innere Ablösung von der (frühkindlichen) Mutter kann auch zur Folge haben, dass Erwachsene diesen Schritt in irgendeiner Form nachholen und oft läuft ein unbewusstes innere Programm ab, so das die verpassten und für unsere Entwicklung sehr wichtigen Schritte zur Autonomie nachgeholt werden.
Im Lauf einer Paarbeziehung, nach der Verliebtheit, findet ein emanzipatorischer Prozess statt und die Partner streben wieder mehr Autonomie an.

Es ist ein besonders schmerzhaftes Ereignis und eine bittere Erfahrung, wenn bei diesem Autonomiebestreben ein Partner eine Außenbeziehung beginnt, er/sie sich in jemand anderen verliebt und heimlich oder offen diese Außenbeziehung lebt.
Aus Erfahrung lässt sich sagen, dass dies fast jedes Paar erlebt.

Die Untreue wird als Verrat an der Beziehung erlebt. Die Enttäuschung, die Wut und Traurigkeit wirbeln soviel Staub auf, dass man erstmal nichts mehr sieht.
Der andere wird moralisch abgewertet und mit Vorwürfen überhäuft.

Mit gewonnenem innerem Abstand und mit der Zeit kann man sich mit der Frage beschäftigen, wie es dazu kam, wie es vielleicht unbewusst Beide darauf angelegt haben, dass einer diesen Schritt tut und was das Geschehene für einen bedeutet.

Ein oft nicht gesehener Aspekt bei der Untreue eines Partners ist die Sichtweise, dass es sich hierbei um einen nachzuholenden Akt des Autonomiebestreben und um eine Ablösung innerer Bindungen (vor allem die zur frühen Mutterbindung) handeln kann.
Es wird also in der Partnerschaft das wiederholt, was früher nicht stattgefunden hat. Man spricht von einer Re- Inszenierung.

Diese Re- Inszenierung an sich, bringt noch keine Weiterentwicklung, sie kann wie in einer Endlosschleife wiederholt werden, wenn nicht verstanden wird, was da eigentlich passiert, bleibt sozusagen alles beim Alten.

Bei einer Trennung entstehen auch tiefe und schwere Schuldgefühle, auch weil es um die innere Erlaubnis geht, eine tiefe geborgenheitsbietende Beziehung, ähnlich wie die zur “frühen Mutter”, aufzugeben. Wenn das Autonomiebestreben des Kindes damals von den Eltern sogar mit Verboten versehen wurde, erleben die jetzt Erwachsenen große seelische Schmerzen, da sie empfinden, sie brechen ein Tabu und tun etwas Unrechtes (ich darf nicht verlassen oder verlassen werden).

Das Paar erhält durch die Untreue sozusagen eine bedeutende innere Aufgabe, nämlich den Entwicklungsschritt zu gehen und aus einer symbiotischen Beziehung heraus eine wirkliche Beziehung zueinander zu gewinnen.
Diese lebendige Strapaze ist äußerst anstrengend und schmerzvoll und der damit verbundene Liebeskummer zehrt an unserer Seele.

Diese beschwerlichen Erlebnisse bieten mit einem zeitlichen und innerlich gewonnenen Abstand und mit der dadurch verbundenen anderen Sicht auf die Dinge, auch eine Chance. Jeder einzelne hat die Chance sich selbst und sein eigenes Leben besser zu verstehen, und es gibt vielleicht auch eine neue Chance für das Paar gemeinsam zu reifen.

Wir Menschen befinden uns im Spannungsfeld von symbiotischen Bedürfnissen und dem Bedürfnis nach Autonomie. Bindung und Selbstständigkeit bilden zwei wichtige Pole im Leben, die unabdingbar zusammengehören und gelebt werden wollen.

All dieses Wissen lindert unsere Schmerzen nicht, diese Schmerzen müssen wir als Menschen durchleben.

In zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Bewältigung von Trennungsangst und Trennung ein Leben lang ein Thema.

Die wesentlichen Gedanken zu diesem Text entstammen inhaltlich einem Vortrag des damaligen Frankfurter Arzt und Psychoanalytikers Michael Lukas Moeller.

Das Menschenbild meiner Beratung

Die Gestalttherapie nimmt an, dass der gesunde menschliche Organismus sich lebenslang weiterentwickelt, denn nur so können wir in immer wieder neuen Situationen unsere Bedürfnisse befriedigen.
Die Gestalttherapie versteht den Menschen als ein ganzheitliches Wesen, dessen Persönlichkeit aus der Einheit und dem Zusammenspiel von Leib, Seele und Geist gebildet wird.
Der Mensch steht immer wieder vor der Aufgabe, sich schöpferisch mit der Umwelt und neuen Aufgaben auseinanderzusetzen. In diesem Prozess findet ein ständiger Austausch mit der Umwelt (im weitesten Sinn) statt.

Dieser Vorgang heißt in der Gestalttherapie Kontakt. Wenn Menschen seelische oder seelisch bedingte Probleme haben, ist der Austausch zwischen ihnen und der Umwelt behindert und die Fähigkeit zur kreativen Auseinandersetzung mit der Umwelt eingeschränkt. Der Grund dafür liegt in frühen Lebenserfahrungen: Wenn ein Mensch sich unter schwierigen Lebensbedingungen behaupten muss, versucht der Organismus irgendwie das Überleben (körperlich und seelisch) zu sichern. Auf diese Weise können Verhaltensweisen entstehen, die ursprünglich einmal sinnvoll waren, aber unter anderen Bedingungen eine Selbstbeschränkung sind, die Unzufriedenheit und Leid verursacht. Sie können sich das so vorstellen: Ein Baum wächst eingezwängt zwischen Mauern, mit wenig Licht und Erde. Um zu dem zu kommen, was er zum Überleben braucht, wird er vielleicht eine ungewöhnliche Form entwickeln, kleiner bleiben als üblich, weniger Äste und Blätter hervorbringen.

Angewandt auf Menschen heißt das: Wenn jemand in einem prägenden Lebensabschnitt schwierige Bedingungen vorfindet, entwickelt er auch in dieser Situation Möglichkeiten zum Überleben. Möglicherweise, aber nicht zwingend, entsteht daraus eine seelische oder psychosomatische Störung. Auch ein solches Symptom ist aber eine schöpferische Leistung des Organismus! Es ist auch Ausdruck der Lebensenergie, nicht nur ein Mangel. Es ist ein Beweis für die Kraft eines Menschen, sich unter schwierigen Bedingungen zu behaupten. Das Problem besteht darin: Möglicherweise wird unter neuen und besseren Bedingungen das alte Verhalten beibehalten, das nun unangemessen ist und Schwierigkeiten verursacht. Therapeutische Unterstützung besteht nun darin, den Klienten/-innen die blockierten Möglichkeiten wieder zugänglich zu machen, so dass sie ihren Weg alleine weitergehen können.

Wenn der Baum nun in bessere Wachstumsbedingungen verpflanzt würde, wird er sich entfalten und entwickeln können. Genau darum geht es auch in der Gestalttherapie: Die schöpferische Freiheit und die Möglichkeiten des Menschen zu entwickeln und freizusetzen, wenn sie beschränkt sind. Das Ziel ist: den Klienten/-innen zu mehr Lebendigkeit, Freude und Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu verhelfen.
Klientinnen und Klienten sind die eigentlichen Experten für sich. Sie müssen nur herausfinden, was sie alles wissen und können.

“Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht, wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist. …und das heißt, sich voll und ganz auf sein gegenwärtiges Sein einzulassen.”

Dieser Text hat mir so gut gefallen und darum wollte ich ihn übernehmen (könnte ich selbst nicht besser ausdrücken), weil er so verständlich und eingängig ist.
Dieser Text ist mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dr. Rainer M. Halmen M. A. übernommen.

www.gestalttherapie-halmen.de

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